Adolf Reichwein

„Freiheit ist das Element des Geistes“
„Alle Kulturarbeit ist heute politisches Handeln“

Zum 100. Geburtstag des Erwachsenenbildners und Widerstandskämpfers Adolf Reichwein

von Johannes F. Hartkemeyer

Adolf Reichwein war einer der faszinierendsten Pädagogen dieses Jahrhunderts. Er gehörte zu den wenigen, die sich von Anfang an für die erste deutsche Republik einsetzten und auch unter dem Naziregime aktiv Widerstand leisteten.

Der „Kreisauer Kreis“ hatte Reichwein in seinem „Schattenkabinett“ für das Amt eines Ministers für Bildung und Kultur in einem demokratischen Deutschland vorgesehen. Der 20. Juli 1944 aber endete tragisch …

Was bleibt? Reichwein war „wesentlich“. Seine Persönlichkeit, sein Wesen begeisterten Lehrer und Schüler gleichermaßen. Diese Wesenszüge Reichweins waren so stark, daß er trotz seiner fundamentalen weltanschaulichen Unterschiede zum herrschenden System auch zu Beginn der NS-Zeit seine konkrete erfolgreiche Arbeit in seiner Reformschule Tiefensee und als Museumspädagoge fortsetzte. Er arbeitete so überzeugend, daß er selbst vom NS-System infizierte Menschen in seiner Umgebung für seine Projekte gewann.

Reichweins Biografie ist sowohl in schicksalhafter Weise verbunden mit den Umwälzungen in der deutschen Geschichte dieses Jahrhunderts, als auch einzigartig in seiner Konsequenz für die Neuorientierung der Bildung.

Reichwein hatte den antikapitalistischen Grundzug der Wandervogelbewegung verinnerlicht und erkannte die Gefahren der Modernisierung in Form von Umweltzerstörung und menschlicher Entfremdung. Bereits als 19jähriger setzte sich Reichwein im Schützengraben mit der Volkshochschulidee auseinander. Beeinflußt wurde er durch eine Biographie über den Gründer der dänischen Volkshochschulbewegung, Grundtvig. An seine Familie schrieb er noch von der Front: „Die großen Städte sollten wetteifern in der Einrichtung von Volkshochschulen„. Allerdings bedeutete für Reichwein die Idee der Volkshochschule mehr als heute. Sie sollte keine reine Bildungsinstitution sein, sondern die Arbeitswelt mit einbeziehen – also Lebensform im weitesten Sinne sein.

Die Brutalitäten seiner Fronterlebnisse prägten seine totale Ablehnung von Gewalt, auch wenn er die ungerechten Verhältnisse radikal verändern wollte.

Während des Krieges in Polen hatte sich Reichwein geweigert, an einem Exekutionskommando teilzunehmen und sich dadurch einer Arreststrafe ausgesetzt.

Für ihn war klar, daß „Böses immer nur Böses erzeugt, daß ein an sich verbrecherischer Weg niemals zur Erreichung eines guten Zieles führen kann.“

Nichts war ihm so verhaßt, wie die „Rohrstockpädagogik“, die aus seiner Sicht nur zur Unmündigkeit und zu Untertanengeist führen konnte. Dieses: „Werdet so wie wir, denkt so wie wir“ war für ihn nicht Erziehung, sondern „Sterilität“, „geistiger Tod“ und „Stickluft“. Die kaiserlichen Traditionen, die Schule als Mittel zur Bekämpfung „sozialdemokratischer Umtriebe“ zu sehen, war ihm zuwider.

Er setzte alle Hoffnung auf Kultur und Bildung. Für ihn war es die zentrale „pädagogische Aufgabe, Menschen zu bilden“, sie war für Reichwein „nicht mehr zu trennen von der, diese Welt zu gestalten, und das heißt, in das politische Leben einzugreifen“. Bereits als 24jähriger machte er seinem Vater in einem Brief deutlich: „Alle Kulturarbeit ist politisches Handeln.“

Dabei blieb er immer Praktiker, der versuchte, „Aktion mit Kontemplation zu verbinden“. Wobei sein Drang nach Veränderung überwog. „Manchmal beneide ich die, die sich auf ihre Bücher zurückziehen“.

Für Reichwein war die junge gefährdete Weimarer Republik eine wichtige demokratische Errungenschaft. Es war ihm klar: „Zeitalter können erst erfüllt werden, wenn die Schwelle erkämpft ist.“

Während des Studiums in Frankfurt lernte er Hugo Sinzheimer kennen, der die „Akademie der Arbeit“ gründete und Franz Oppenheimer, der den Kibbuzgedanken entwickelte. Hier eignete er sich die sozialwissenschaftlichen Methoden an, die er später zu scharfsinnigen Analysen gesellschaftlicher Verhältnisse einsetzte. An der Darmstädter Volkshochschule wurde er von der Methode der „Arbeitsgemeinschaft“ fasziniert, welche die sogenannte „Neue Richtung“ der Volksbildung prägte. Sie sollte passive Methode, die „Vortrag-“ und „Hörer-“ orientierte Arbeit, zugunsten der Selbsterarbeitung in Gruppen ersetzen.

Diese Arbeitsweise prägte später sein gesamtes pädagogisches Handeln in Erwachsenenbildung und Schule.

Für Reichwein war klar, daß nicht nur die Kultur eine Sache „von Unten“ ist, sondern daß auch die Organisationsform von Wirtschaft und Gesellschaft jeden in seinem Lebensalltag angeht. Demokratie war für ihn nicht nur Gesellschaftspolitik, sondern in erster Linie pädagogische Praxis. In seiner Jenaer Volkshochschularbeit machte Reichwein allerdings deutlich, daß sie parteipolitisch unabhängig sein mußte. Dies sah er als Grundlage der Arbeitsgemeinschaft: „Überführung des Wissens in eigenen Besitz durch denkende Mitarbeit.“

Die Kunst der politischen Kompromißfindung in der jungen Republik war Reichweins politisches Anliegen. Auch dies konnte aus seiner Sicht keine abstrakte Einübung unter Laborbedingungen, keine Rhetorik sein. Daher rief er zu einer vierwöchigen Arbeitsgemeinschaft von Bauern und Arbeitern nach Bodenrod im Taunus auf. Anhänger unterschiedlichster politischer Richtungen trafen aufeinander. Reichwein: „Eine fruchtbarere Zusammensetzung wäre nicht möglich gewesen.“

Reichwein hatte bereits von 1921 – 1923 in seiner Eigenschaft als Geschäftsführer des „Ausschusses der deutschen Volksbildungsvereinigung“ die heftigen Debatten zwischen den Befürwortern des Gemeinschaftsgedankens und der „Berliner Richtung“ um Werner Picht erlebt, die durch strenge hochschulmäßige „geistige Disziplinierung“ für den politischen Kampf schulen wollte.

Als Nachfolger von Wilhelm Flitner hatte Reichwein im Oktober 1925 die Leitung der Volkshochschule in Jena übernommen. Thüringen galt als republikanisch-progressiv. In Weimar wurde das Bauhaus unter der Leitung von Walter Gropius gegründet. Die Zeiß-Werke in Jena hatten aufgrund der Abbe-Stiftung eine neue Betriebsform realisiert. Die Arbeiterschaft war reformfreudig. Hier wurde unter Adolf Reichwein das Ziel realisiert, die Volkshochschule als Treffpunkt „zur freien Aussprache“ zu machen. „Eigene Denkschulung“ wollte er mit „Schärfung des persönlichen Anschauungsvermögens“ verbinden. Es sollte „nicht das Dogma, also einfach hingeworfene Glaubenssätze“ dominieren.

Reichwein hatte eine umfassenden Politikbegriff, der weder doktrinär, noch idealistisch abgehoben war. In der Reflexion seiner Arbeit mit Studenten- und Jungarbeitergruppen in den Ostsee-Lagern in Prerow macht er deutlich, daß er alle Lebensbereiche umfassen möchte „Freizeit sei auch nicht nur Erholung, sondern mehr als dies: Verwandlung in eurer ganzen Menschlichkeit.“

Als er später Professor für Geschichte und Staatsbürgerkunde an der Pädagogischen Akademie in Halle wird, hält er seinen Studenten die abgewandelte 11. Feuerbachthese vor „Die Philosophen haben die Welt nur interpretiert, ihr sollt sie umgestalten“. Allerdings war Reichwein klar, daß es nicht nur um die „Neuverteilung der ökonomischen Macht“ geht, sondern um eine neue Lebensform. In seiner Arbeiterbildungskonzeption von 1929 hatte er geschrieben, daß die Formel „Wissen ist Macht“ nur eine Sichtweise sei, „die wir brauchen.“ Über dieser „Wissensschulung“ müsse aber die „Übung der seelischen Tragkraft und die Schärfung des persönlichen Willens“ stehen. Das Modell der Arbeiterbildung, das er bereits in Jena entwickelte, stand der sogenannten Leipziger Richtung um Hermann Heller nahe, aber sein Konzept war noch weitgehender.

Geradezu modern klingt seine Anmerkung zur Lehrerfortbildung in der sich permanent verändernden Industriegesellschaft. Für ihn ist klar, daß, „ein Volk im Stadium entfalteter Verkehrswirtschaft nicht mehr autoritär regiert werden kann, sondern nur noch auf dem Grund autonomer Verantwortung jedes einzelnen zu führen ist.“

Als Reichwein in der Nachfolge von Adolf Grimme, Leiter der Pressestelle des preußischen Kultusministers Carl Heinrich Becker wird, widmet er sich der Neuordnung der Volksschullehrerausbildung in Preußen, um die wilhelmische „Pauk- und Drillschule“ zu überwinden. Er richtete pädagogische Akademien ein, da er auf die Hochschulreform nicht vertraut. Die enge Verzahnung von Wissenschaft und Praxis ist für ihn wesentlich. „Lehrer“ können „erst dann erzieherisch voll wirksam werden“, wenn ihre Lernfelder durch praktische Beispiele oder „Anwendung“ geprägt wird. Auch hier scheint Reichweins Prinzip durch, daß Denken auf Handeln ausgerichtet sei solle. Wenn auch die gesellschaftliche Praxis für Reichwein entscheidend war, so ließ er sich doch für keine Partei einspannen. Unabhängigkeit von jeglicher Doktrin erschien ihm ein so hohes Gut, daß er beschloß, als „Freibeuter“ zu leben, wie er scherzhaft formulierte. Erst gegen Ende der Weimarer Republik, als mancher Demokrat resignierte oder das Schiff der Demokratie verließ, trat er demonstrativ in die SPD ein, auch wenn er sich nicht „auf Linie“ bringen ließ.

Aufgrund des Gesetzes zur „Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ wurde Reichwein 1933 entlassen. Allerdings konnte er durch Beziehungen zum Ministerium seine pädagogischen Arbeit als Lehrer an einer einklassigen Dorfschule in Tiefensee bei Berlin fortführen.

Den Aufbau einer pädagogischen Reforminsel in Tiefensee zog Reichwein der Emigration vor. Dieses Experiment war keine innere Emigration, sondern er betrachtet es als Feld für eine neue Saat. Als leidenschaftlicher Pädagoge als „primus inter pares“ entwickelte er den „Projektunterricht“ zu einer tragenden Schulidee. Die „innere Differenzierung“, die gegenseitige Schülerhilfe, wurden Elemente eines lebendigen Sozialprozesses. Um Praktikanten zu bekommen, biß er in den sauren Apfel und trat dem NS-Lehrerbund bei.

Durch seine vielfältigen Besuche fühlte er sich auf dem Land wie auf einem Präsentierteller. Deshalb suchte und fand er eine neue Stelle im Volkskundemuseum in Berlin. Auch hier gab er innerhalb kurzer Zeit entscheidende Impulse für die Museumsdidaktik. Gleichzeitig diente diese Arbeit als Tarnung für den Aufbaus eines planmäßigen Widerstandes gegen das NS-Regime. Im „Kreisauer Kreis“ um Moltke, Leber und Stauffenberg sorgte er für ein pädagogisches Konzept für die Zeit nach Hitler. Er galt als der künftige Minister für Kultur und Bildung. Seine Offenheit aber wurde ihm zum Verhängnis. Bei einem Treffen mit kommunistischen Widerständlern wurde er verraten. Jedoch verriet er auch unter Folter nicht das geplante Komplott gegen Hitler. Das Stauffenberg-Attentat fand am 20. Juli statt, wenn auch erfolglos. Aber auf welche Beispiele moralischen Handelns können wir heute zurückgreifen, wenn es diesen „Aufstand des Gewissen“ nicht gegeben hätte?

So erfüllte sich Reichweins Lebensmotto konsequent: „In der Entscheidung gibt es keine Umwege.“

Reichweins nachgelassene Schriften umfassen mehr als 300 Titel. Sie beinhalten Reflexionen seiner pädagogischen Erfahrungen. Sie zeigen ihn auch als Geschichtenerzähler und was sein Briefe betrifft, tiefgründigen Analytiker und menschlich überzeugenden Gesprächspartner.

Projektunterricht, nichtdirektive Leitung von Arbeitsgruppen, „themenzentrierte Interaktion“, Medieneinsatz in der Schule, Museumspädagogik, innere Differenzierung, metakognitive Kompetenz, forschendes Lernen, originale Begegnung, Umweltbildung, politische Bildung als Prinzip, Arbeitsgruppen unterschiedlicher Leistungsstufen, politische Relevanz von Bildung, Lehr-Lernverhältnis im Dialog (Freire, Buber) sind Aspekte, die Adolf Reichwein unter den denkbar schwierigsten materiellen und politischen Verhältnisse vorbildlich herausgearbeitet hat.

Reichweins Leben und Persönlichkeit geben einen Eindruck davon, wie eine heutige Diskussion in Schule und Erwachsenenbildung aussehen könnte, wenn sie stärker von inhaltlichem Anspruch statt von Besitzstandsdiskussion getragen würde.

Die Zitate entstammen weitgehend der ausgezeichneten Dissertation von Ullrich Amlung, Adolf Reichwein 1898 – 1944, Ein Leitbild des politischen Pädagogen, Volkskundlers und Widerstandskämpfers.